Wenn Lesen & Schreiben Probleme bereiten

Eine Stunde für drei Zeilen Hausaufgaben. Der Finger rutscht beim Lesen immer wieder aus der Zeile, aus dem b wird ein d, und am Ende fließen Tränen – bei deinem Kind und manchmal auch bei dir.
Wenn dir das bekannt vorkommt: Dein Kind ist nicht faul, und es ist auch nicht „einfach nicht so begabt“. Oft steckt etwas ganz anderes dahinter. Lesen und Schreiben sind nämlich nicht nur Kopfarbeit. Sie brauchen einen Körper, der dafür bereit ist.
In meiner Praxis sehe ich wie viel sich verändert, wenn wir genau dort hinschauen. Einer der Reflexe, auf den ich bei Lese- und Schreibschwierigkeiten fast immer neben der Überprüfung des Moro- & Furchtlähmungsreflexes zuerst schaue, ist der ATNR. Was er ist, wie er das Lesen bremst und was du zu Hause tun kannst, erfährst du in diesem Beitrag.

Kein Kind ist schwierig. Es zeigt uns Signale – keine Defizite.
Was ist der ATNR?
ATNR steht für Asymmetrisch-Tonischer Nackenreflex. Er gehört zu den frühkindlichen Reflexen und entsteht schon im Mutterleib, etwa ab der 18. Schwangerschaftswoche.
So zeigt er sich: Dreht das Baby den Kopf zur Seite, streckt sich der Arm und das Bein auf dieser Seite. Arm und Bein auf der anderen Seite beugen sich. Vielleicht kennst du das Bild vom „Fechter“, genau so liegt ein kleines Baby oft da. Dieser Reflex hilft beim Geburtsvorgang, trainiert den Muskeltonus und bringt dem Baby bei, Hand und Auge zu verbinden: Es schaut in die Richtung, in die sich sein Ärmchen streckt. Ungefähr im sechsten Lebensmonat hat der ATNR seine Aufgabe erfüllt. Durch Drehen, Robben und Krabbeln wird er nach und nach integriert – das Nervensystem braucht ihn dann nicht mehr. Bleibt er aktiv, wirkt er im Hintergrund weiter. Und genau das spüren viele Kinder später in der Schule.
Wie ein aktiver ATNR das Lesen und Schreiben bremst
Stell dir vor, jedes Mal, wenn du den Kopf leicht drehst, will dein Arm sich strecken. Du hältst dagegen – ohne es zu merken. Das kostet Kraft und Konzentration. So ähnlich geht es Kindern mit einem aktiven ATNR. Vier Bereiche sind besonders betroffen:
1. Die Augen kommen nicht über die Mitte.
Beim Lesen wandern die Augen von links nach rechts über die Zeile. Genau in der Mitte des Blickfelds „hakt“ es oft: Die Augen springen, verlieren die Zeile oder das Kind dreht den ganzen Kopf mit. Lesen wird dadurch langsam und anstrengend.
2. Buchstaben drehen sich
Wer die Körpermitte nicht sicher überkreuzen kann, tut sich oft schwer mit links und rechts. b und d, p und q oder ie und ei werden verwechselt, nicht aus Unachtsamkeit, sondern weil die Orientierung im Raum noch nicht stabil ist.
3. Schreiben wird zur Kraftprobe
Schaut das Kind auf sein Heft, will sich der Schreibarm strecken. Es muss gegensteuern: Der Stift wird verkrampft gehalten, mit viel Druck geführt, und die Hand ermüdet schnell. Die Schrift wird unleserlich, je länger der Text ist.
4. Abschreiben von der Tafel
Kopf hoch zur Tafel, Kopf runter ins Heft – jede dieser Bewegungen aktiviert den Reflex aufs Neue. Viele Kinder verlieren dabei den Anschluss und brauchen ewig für ein paar Zeilen.
Das Gehirn ist so sehr damit beschäftigt, den Körper zu kontrollieren, dass für den eigentlichen Lerninhalt wenig Energie bleibt. Deshalb sind diese Kinder nach den Hausaufgaben oft völlig erschöpft.
Woran du einen aktiven ATNR erkennen kannst
Beobachte dein Kind ein paar Tage lang ganz in Ruhe, beim Lesen, Schreiben und im Alltag. Mehrere dieser Punkte zusammen können ein Hinweis sein:
Es liest mit dem Finger oder verliert ständig die Zeile.
Es dreht beim Lesen den ganzen Kopf mit, statt nur die Augen zu bewegen.
Es verwechselt b/d, p/q oder schreibt Buchstaben und Zahlen spiegelverkehrt.
Es hält den Stift sehr fest und drückt stark auf.
Es dreht das Heft stark schräg oder legt den Kopf fast auf den Arm.
Die Schrift wird nach wenigen Zeilen deutlich unordentlicher.
Abschreiben von der Tafel dauert sehr lange.
Es wechselt manchmal die Hand oder hat noch keine klare Händigkeit.
Beim Fahrradfahren, Ballfangen oder Schwimmen wirkt es eher unsicher.
Es hat als Baby wenig oder gar nicht gekrabbelt.
Ein einfacher Test für zu Hause: Dein Kind steht aufrecht, die Füße zusammen, die Arme gestreckt nach vorne, die Augen geschlossen. Du drehst seinen Kopf langsam und sehr vorsichtig zur Seite, wartest kurz und drehst ihn zur anderen Seite. Wandern die Arme mit dem Kopf mit, schwankt dein Kind oder fühlt es sich unwohl, ist der Reflex wahrscheinlich noch aktiv. Dieser Test ersetzt keine genaue Abklärung. Er hilft dir aber, dein Kind mit anderen Augen zu sehen.
Was du zu Hause tun kannst
Die gute Nachricht: Ein Reflex, der noch aktiv ist, lässt sich auch später noch integrieren. Das Nervensystem holt nach, was es damals nicht ganz abschließen konnte, wenn wir ihm die passenden Bewegungen anbieten.
Diese Arbeit beginnt aber nicht direkt beim ATNR. Am Anfang stehen die sanften rhythmischen Grundbewegungen, wie Babys sie von selbst machen – etwa ein leichtes Schaukeln in Bauch- oder Rückenlage. Sie beruhigen das Nervensystem und legen das Fundament.
Auch der Furchtlähmungsreflex und der Moro-Reflex werden meist vor dem ATNR begleitet. Erst wenn das Kind innerlich zur Ruhe kommt, folgen die gezielten Übungen für den ATNR. Die folgenden Übungen sind deshalb als Ergänzung gedacht, wenn die Grundbewegungen schon gut gelingen.
Drei Übungen für jeden Tag
Die Eidechse
Dein Kind liegt auf dem Bauch und schaut zu einer Hand. Arm und Bein auf dieser Seite sind angewinkelt, die andere Seite gestreckt – bewusst umgekehrt zum Reflexmuster. Dann wechselt es langsam die Seite: Kopf, Arm und Bein bewegen sich gemeinsam. 5 bis 10 Mal, ganz ruhig.
Krabbeln
Klingt einfach, ist aber eine der wirkungsvollsten Übungen überhaupt. Lass dein Kind täglich ein paar Minuten auf allen vieren krabbeln, gern als Spiel, durch einen Tunnel oder als Tier verkleidet.
Die liegende Acht
Mit dem Finger, einem Stift oder einem großen Pinsel eine liegende Acht auf ein großes Blatt oder in die Luft malen. Die Augen folgen der Hand, der Kopf bleibt ruhig. Das hilft den Augen, über die Mitte zu wandern.
Wichtig ist nicht die Menge, sondern die Regelmäßigkeit: 5 bis 10 Minuten täglich über mehrere Monate bewirken mehr als eine lange Einheit am Wochenende. Lieber weniger, dafür jeden Tag. Veränderungen zeigen sich oft erst nach einigen Monaten. Wenn dein Kind müde, weinerlich oder gereizt reagiert, mach eine Pause oder weniger Wiederholungen. Auch das ist ein Signal, das ernst genommen werden darf.
Kleine Hilfen im Alltag
Lesezeichen oder Leselineal unter die Zeile legen; das entlastet die Augen.
Das Heft leicht schräg legen lassen, so wie es für dein Kind angenehm ist.
Einen dickeren Stift oder eine Griffhilfe anbieten.
In der Schule frontal zur Tafel sitzen; das spart viele Kopfdrehungen.
Kurze Bewegungspausen zwischen den Hausaufgaben einbauen.
Und vor allem: „Streng dich mehr an“ weglassen. Dein Kind strengt sich bereits mehr an, als du siehst.
Der ATNR ist selten der einzige Grund, wenn Lesen und Schreiben schwerfallen. Oft spielen weitere Reflexe, die Zusammenarbeit der Augen, die Nährstoffversorgung und die emotionale Belastung mit.
Darum schaue ich immer auf das ganze Kind.
Was ich dir mitgeben möchte: Wenn dein Kind sich schwertut, ist das kein Zeichen von Versagen, weder seines noch deines. Vielmehr ist es ein Hinweis darauf, wo es noch Unterstützung braucht. Und diese Unterstützung kannst du ihm geben.
Du möchtest tiefer einsteigen? In meinem kostenlosen Webinar „Frühkindliche Reflexe & LRS“ am Mittwoch, 11. November 2026, um 19:00 Uhr zeige ich dir, welche Reflexe beim Lesen und Schreiben eine Rolle spielen, wie du sie erkennst und was du konkret tun kannst. Die Anmeldung findest du hier: https://www.gabrielarossini.at/event-details/fruhkindliche-reflexe-lrs
Ich freue mich auf dich!
Alles Liebe,
Gabriela
Kinderwege - Kinder in Balance





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